Verpasste Chance #2: Das unvollständige Bauminventar als Planungsgrundlage

Bauhecke an der Thurgauerstrasse

Madlaina Perl –

Auf der Webseite von Grün Stadt Zürich wird dem Thema „Stadtbäume“ viel Raum gewidmet. Die Beiträge spannen einen weiten Bogen von allgemeinen Informationen zu Bäumen, über die Wirkung der Bäume auf das Stadtklima, die Baumpflege und den Baumschutz. So liest man dort: „Bäume tragen zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität in der Stadt bei. Als Park- und Strassenbäume prägen sie das Stadtbild, sorgen für Wiedererkennung und Identität von Zürich. Bäume speichern und verdunsten Wasser, produzieren Sauerstoff, spenden Schatten, kühlen und reinigen die Luft. Für Tiere und Pflanzen sind sie wertvolle Lebensräume. Als Stadtgrün in der dritten Dimension sind sie wichtige Vernetzungskorridore von ökologisch wertvollen Flächen.“

Besonders Augenmerk verdient das Baum-Kataster. Es wird angepriesen als Inventar von mehr als 22’000 Stadtbäumen auf öffentlichem Grund. Im Gebiet des Gestaltungsplans Thurgauerstrasse finden sich alte Bestände von Götterbaum, Spitzahorn, Hain- oder Weissbuchen, Schwarzkiefer, Bergahorn, Hopfenbuchen, Rottanne, Süsskirsche, Wallnuss, Birne, Sandbirke. Es sind Dutzende von Bäumen, die in den Jahren 1950 bis 1980 gepflanzt wurden. Sie alle werden dem Gestaltungsplan zum Opfer fallen. Ein Vorgang, der auch den Bestrebungen der Initiative von „Baumstadt Züri“ zuwiderläuft. Doch wer an der Thurgauerstrasse ein bisschen ortskundig ist, merkt schnell, dass der Bestand nicht vollständig erfasst ist. Zum Beispiel fehlt die Kastanie vor dem alten Schützenhaus Grubenacker, überhaupt fehlen alle Bäume in den Familiengärten, auch teils stattliche Exemplare und wertvolle Schattenspender. Leider werden nur die Bäume inventarisiert, die von Grün Stadt Zürich gepflegt werden. Was nicht kartiert ist, muss auch nicht ersetzt werden, so sieht es aus. Ist also das städtische Bauminventar ein weiteres Beispiel von städtischen Fake-News? (hier ein Ausschnitt mit einigen der fehlenden Bäume).

In dieser Stadt gibt es genau zwei, die Bäume fällen dürfen ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Zum einen ist dies die Stadt Zürich als Bauherrin, wenn sie die Kartierung des Bestandes unvollständig macht. Zum andern ist das der Biber, der im Leutschenbach, der in wenigen Monaten den gesamten Weidenbestand mit Stammdurchmesser von fünf Zentimeter eliminiert hat.

Um die Lücke im städtischen Bauminventar zu schliessen, haben vier Enthusiast*innen aus dem Grubenacker selber ein Bauminventar aufgenommen. Es ist unter diesem link zu finden. So kann eine weitere Forderung der Anwohner*innen berücksichtigt werden: Die vorhandenen grosskronigen Bäume in die Planung zu integrieren. Wenn der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse umgesetzt wird, werden weder die Apfelbaumwiese noch der Waldgürtel am Parkplatz Eisfeldstrasse bleiben erhalten. Ein Jammer – wie der ganze Projekt.

Immerhin: Der Kastanienbaum beim alten Schützenhaus soll nach neusten Planung erhalten bleiben!

Der junge Kirschbaum am höchsten Punkt des Areals im morgendlichen Herbstlicht – er ist inzwischen kräftig gewachsen (im städtischen Bauminventar enthalten)
Das Baum-Inventar-Team
Die grosse Kastanie vor dem alten Schützenhaus (im städtischen Bauminventar nicht enthalten, obwohl auf öffentlichem Grund)
Genannt wird sie Apfelbaumwiese, es stehen aber auch Nussbäume drauf (im städtischen Bauminventar nicht enthalten, obwohl auf öffentlichem Grund)

Ein Kommentar zu “Verpasste Chance #2: Das unvollständige Bauminventar als Planungsgrundlage

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