Verpasste Chance #5: Räume für Kultur schaffen an der Thurgauerstrasse

Bernhard Parz –

Woran erkennt man ein lebenswertes urbanes Quartier? Dass man dort nicht nur ist, um zu schlafen oder um sehnlichst auf die nächsten Ferien im Ausland zu warten, sondern dass vor Ort nebst Einkaufsmöglichkeiten und Treffpunkten wie Beizen oder Cafés die zum Verweilen einladen auch interessantes kulturelles Leben anzutreffen ist. Das erklärt ja die Beliebtheit bestimmter Orte in der Stadt, die dann nicht nur bei Wohnungs-suchenden beliebt sind, sondern auch als Tipp im Reiseführer stehen. Solche Orte entstehen nicht auf Zuruf, aber machen die Seele einer Stadt aus. Da wird zum Beispiel eine ungenutzte Scheune zum Kunstatelier oder Kino umgebaut, eine leerstehende Garage zum Konzertsaal. Die gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raumes  ist entscheidend, ob man sich an einem Ort zu Hause fühlt oder halt nur zu Gast (z.B. weil man sonst keine besser bezahlbare Wohnung gefunden hat). 

Im Leutschenbach entstehen genau solche Orte, und mit ihnen nach und nach ein reichhaltiges kulturelles Angebot. 

Das jährlich stattfindende „Kunstdreieck Festival“ im Leutschenbach, Quartiertreffen im alten Schützenhaus (das dank des Einsatzes von Seebacher Vereinen und der IG Grubenacker vor dem Abriss durch die Stadt gerettet wurde), oder eben Veranstaltungen an verschiedensten Orten wie die Garagenkonzerte, Strassenfeste, die Wunderkammer, Hombi’s Salon und viele mehr. Ein Rückblick auf das „Kunstdreieck Festival“ 2020 findet sich unter diesem link.

Anstatt das als ein deutliches Zeichen positiver Energie und Gestaltungswillen in der lokalen Bevölkerung zu verstehen, wurde erst jüngst ein mühsam mit viel persönlichem Einsatz aufgebauter Kulturraum – der Pavillon der „Wunderkammer“ – grundlos von der Stadt mit schwerem Gerät abgerissen. Die Energie und das Engagement vieler Anwohner für ein lebenswertes Quartier auch für die Planung des neuen Quartierteils einzubeziehen wäre doch viel eher wünschenswert, ist es doch das Zuhause der dortigen Bevölkerung, die sich für das eigene Quartier engagiert, und kennt das eigene Quartier am Besten.

Der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse denkt die zukünftige kulturelle Nutzungs-möglichkeit des neuen Quartierteils leider überhaupt nicht mit. Interessante Orte entstehen ja immer erst dort, wo es Freiräume gibt, die mit kreativen Ideen gefüllt und zum Leben erweckt werden könnn. Wird ein Quartier einfach am Reissbrett von Grund auf neu geplant, dann ist es notwendig, bewusst solche Freiräume offen zu lassen. Damit werden erst kreative Ideen vor Ort ermöglicht. Im Gestaltungsplan Thurgauerstrasse wurde aber seitens der Stadt absichtlich darauf verzichtet das schon vorhandene kulturelle und lokale Wissen des bestehenden Quartiers in die Neuplanung einzubeziehen. Erklärtes Ziel war, die Errichtung der maximalen Anzahl von günstigen Wohn und Schlafplätzen. Dass die solchermassen steril geplante Bebauung weder zum Verweilen einladen wird noch einen Bezug zu natürlich gewachsenen Strukturen des bestehenden Quartiers aufweist, lädt eher dazu ein, an anderen Orten seine Freizeit zu geniessen als vor Ort. Oder müssen wirklich alle gemeinschaftlichen Aktivitäten im Sockel entlang der Thurgauerstrasse stattfinden? So wie es der Gestaltungsplan vorsieht und einige SP-Gemeinderäte propagieren? In einer Art Restfläche, die aus Lärmschutzgründen nicht zu Wohnzwecken genutzt werden darf und den Charme einer Autobahnzufahrt hat? So wird die Thurgauerstrasse nie zu einem lebenswerten Quartierteil und schon gar nie einen Eintrag in einem Reiseführer als attraktive Stadtgegend schaffen!

Die Frage nun gerade zu Zeiten von Corona und Klimawandel drängt sich also auf: Wollen wir unseren wertvollen Lebensraum auf diese Weise am maximalen Ertrag orientieren, oder gibt es nicht bessere Wege, das doch unbestrittene Ziel zu erreichen – lebenswerten Wohnraum? 

Eine Diskussion darüber tut Not – bevor entschieden wird!

Ein Kommentar zu “Verpasste Chance #5: Räume für Kultur schaffen an der Thurgauerstrasse

  1. Guter Beitrag! Die Aussage, der Gestaltungsplan sei auf günstigen Wohnraum ausgelegt, stimmt für die 5 Hochhäuser nicht. Die Wohnungen müssen in HH mind. 20% teurer sein als normale.

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