Verpasste Chance #6: Adieu Tristesse in der Zürcher Stadtentwicklung! – auch an der Thurgauerstrasse

Jürg Sulzer –

Wir alle kennen die Sehnsuchtsorte des Wohnens in unserer Stadt: es sind stadtbaugeschichtlich geprägte Altbauquartiere wie beispielsweise das Seefeld, Aussersihl oder Hottingen. Ihnen gemeinsam sind dicht genutzte und vielfältig gestaltete Blockrandbebauungen mit jeweils eigenständigen Gesichtern der Einzelhäuser. Die Strassen und Plätze sind in diesen urbanen Quartieren mit klar gegliederten Baumalleen geschmückt und im rückwärtigen Bereich der Häuser finden sich ruhige Oasen grüner Wohnhöfe. Überall im Quartier gibt es zusätzliche Nutzungen wie Büros, Läden und soziale Einrichtungen. Ein wahres Paradies städtebaulich verdichteter Wohn- und Lebenssituationen. Die Qualität baulicher Dichte zielt auf den Reichtum an vielfältiger Nutzung und differenzierten Aufenthaltsräumen im Stadtquartier. Dagegen geht es in der aktuellen Zürcher Stadtentwicklung in der Regel um maximale bauliche und ökonomische Verdichtung mit der Folge, dass immer mehr anonym wirkende Siedlungen entstehen. Selbst das Bundesgericht kommt jüngst zum Schluss, dass beispielsweise das qualitativ hochstehende Friesenbergquartier nicht wegen einer Verdichtungsabsicht abgerissen werden darf. Verdichtung und Innenentwicklung müsse sich, so die „Kulturbotschaft 2021-2024“ des Bundes, auch an baukulturellen Aspekten orientieren gegenüber einer heute stark auf technische und ökonomische Logiken ausgerichtete Planungspraxis.

Es ist keine Frage, dass Zürich wachsen kann und soll – aber doch nicht in dieser technisch und ökonomisch ausgerichteten Tristesse, wie „Verdichtung nach innen“ mit dem alten Gestaltungsplan Thurgauerstrasse gepriesen wird. Gerade die derzeitige Pandemie, in der alle von „Distanz wahren“ reden, zeigt uns, dass wir im Städtebau auf Kleinteiligkeit, Wohlbefinden, erlebbare Nähe der Menschen untereinander und auf unverwechselbare Orte setzen müssen. Jedes Wohnhaus sollte über ein eigenständiges Gesicht mit unterschiedlichen Nutzungen verfügen. Innerhalb der einzelnen Wohnung findet Homeoffice angemessenen Platz. Kinderbetreuung im Wohnhof wird zur Selbstverständlichkeit. Nur so lässt sich Abstandhalten mit wenig sozialem Verlust erträglich gestalten. In einer kalten und abweisend geplanten Siedlung, wie sie der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse vorsieht, werden noch mehr Menschen in die Einsamkeit und Anonymität gesichtsloser Hochhäuser in Glas und Beton gezwungen. Dies darf nicht geschehen!   

Wir sagen nein zu einer technisch und ökonomisch ausgerichteten Verdichtung. Städtebauliche Erfahrungen lehren uns, dass es heute um eine bestmögliche Gegenwart gehen sollte und nicht um eine Zukunftsillusion in Glas und Beton. Das Konzept Wohnhöfe Grubenacker ermöglicht ein nachhaltiges und kleinteiliges Experimentieren, ohne das Ensemble als Ganzes zu verlieren. So lässt sich in jeder Bauetappe nachsteuern, um aus Erfahrungen zu lernen. Die Effizienz kleinteiliger Baustrukturen zeichnet sich durch ihre Fehlerfreundlichkeit aus und steht im klaren Gegensatz zu massstabslosen Hochhausbebauungen. 

Das Konzept Wohnhöfe Grubenacker bietet eine grossartige Chance, aus der Stadtbaugeschichte zu lernen, um ein richtungsweisendes urbanes Quartier und gebaute Nachbarschaft bürgernah zu gestalten – allerdings ohne Tristesse, dafür mit einem leuchtenden „Bonjour“ zum baukulturellen Weiterbauen der Zürcher Stadtheimat! 

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