Verpasste Chance #8: Einbezug der gemeinnützigen Wohnbauträger

Christian Häberli –

„Stell Dir vor, es gibt Baurechte für gemeinnützigen Wohnraum und keiner will sie“. Dieses Szenario wird ziemlich sicher bald Wirklichkeit wenn es um die Umsetzung des Gestaltungsplans Thurgauerstrasse geht, falls er am 29. November angenommen werden sollte. Eigentlich müssten die Wohnbaugenossenschaften der Stadt Zürich ja laut jubeln, denn es gibt Baurechte auf über 30’000 Quadratmetern. Eine Suche nach einer Reaktion der Wohnbaugenossenschaften auf dieses Angebot ergibt: Null – Nichts – Nada! Keinerlei positive Reaktion – keine Vorfreude auf Architekturwettbewerbe und Entwicklung eines neuen Quartierteils. Auf keiner Webseite, weder einer Genossenschaft noch des Verbands ist mehr zu finden als nüchterne Mitteilungen. Auf der Webseite des Verbands ergibt eine Abfrage nach „Gestaltungsplan Thurgauerstrasse“ exakt 4 (vier) Treffer. Das ist sehr wenig, wenn es um die letzte grosse Baulandreserve der Stadt Zürich geht!

In einem Interview mit der P.S. Zeitung bemerkte Stadtrat Odermatt letzte Woche trocken „die Genossenschaften verhalten sich nun neutral“. Diese Aussage lässt nur einen Schluss zu: Wenn sich die Genossenschaften nie positiv geäussert haben und jetzt neutral sind, dann unterstützen sie den Gestaltungsplan nicht. Anders kann man diese Aussage nicht interpretieren. Ist der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse also eine weitere riesengrosse Mogelpackung mit der Aufschrift „bezahlbarer Wohnraum“?

Wir wissen, dass die Wohnbaugenossenschaften nicht begeistert sind vom Gestaltungsplan Thurgauerstrasse. Dies hauptsächlich aus drei Gründen:

  1. Eng gefasster Gestaltungsplan. Der Gestaltungsplan umreisst das Projekt zu scharf und lässt zu wenig Freiraum für die Anordnung und Dimensionen der Baukörper. Damit werden Projekte von vornherein verunmöglicht, welche die bestehende Siedlung mit einbeziehen.
  2. Die Hälfte der Wohnungen befindet sich in Hochhäusern. Etwa ein Drittel ist in Flachbauten geplant. Der Rest der verfügbaren Geschossfläche ist für Gewerbenutzung vorgesehen (aus Gründen des Lärmschutzes entlang der Thurgauerstrasse kann dieser Anteil nicht als Wohnraum genutzt werden). Wohnungen in Hochhäusern sind rund 15 bis 25% teurer in Bau und Unterhalt. Die Notwendigkeit, Hochhäuser zu bauen steht im Widerspruch zur Anforderung, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen. Die Wohnbaugenossenschaften forderten von Anfang an, den Anteil der Wohnungen in Hochhäusern markant zu reduzieren.
  3. Mangelnde Qualität der Innenhöfe. Der Gestaltungsplan sieht schattige, gleichförmige und unattraktive Innenhöfe vor. Die Wohnbaugenossenschaften haben deshalb beantragt, die Innenhöfe zu vergrössern, differenzierter zu gestalten und mit publikumswirksamen Attraktionen anzureichern.

Bemerkenswert ist, dass die Einwände des Verbands der Wohnbaugenossenschaften deckungsgleich sind mit jenen der Anwohnerinnen und Anwohner! Das stimmt zuversichtlich, dass auf dieser Ebene eine konstruktive Zusammenarbeit möglich wird.

Verpasste Chance#7: Eine auf das künftige Stadtklima ausgelegte Planung

Christian Häberli –

Wie die Zürcher Stadtplanung ihre eigenen Grundsätze locker über Bord wirft.
Gemäss dem Fachplan Hitzminderung der Stadt Zürich (link) wird sich die Hitzeinsel in Zürich Nord bis 2030 massiv ausdehnen.

heute 2030

Der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse leistet einen wesentlichen Beitrag an diese unerwünschte Entwicklung. Eine Neuplanung ist zwingend, damit die Empfehlungen aus dem Fachplan Hitzeminderung umfassend umsetzt werden. Diese Planung braucht etwas Zeit. Es kann nicht sein, dass eindimensional auf dieses Ziel hingearbeitet wird und dabei die langfristigen Auswirkungen auf das Stadtklima ausser Acht zu lassen. Schlicht absurd ist die Behauptung der Befürworter*innen des Gestaltungsplans, dass dank der Verbesserungen durch den Gemeinderat „deutlich mehr Bäume“ vorgesehen seien. Das bezieht sich das auf den ursprünglichen Gestaltungsplan und nicht auf die Ist-Situation! Wie sollen auf 65’000 m2 ein Schulhaus, fünf Hochhäuser und Flachbauten mit Wohnungen für „über 2000 Menschen“ entstehen und dann erst noch mehr Bäume gepflanzt werden als die heute weit über 100? Insbesondere wenn nicht einmal das Bauminventar vollständig ist (siehe diesen Artikel)? Und was soll die Vorschrift, 10% der Fassaden zu begrünen? Der Nutzen dieser Massnahme steht in keinem Verhältnis zu den Kosten!

Zwei Stadtklimatologen aus Wien haben in einem Kurzgutachten den Gestaltungsplan mit dem Konzept „Wohnhöfe Grubenacker“ verglichen und kommen zum Schluss, dass der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse in zentralen Punkten den Empfehlungen dem Fachplan Hitzeminderung widerspricht:

  • Im Gegensatz zum Gestaltungsplan lässt das Konzept „Wohnhöfe Grubenacker“ eine größere Durchlässigkeit für nächtliche Kaltluftströme in West-Ost-Richtung zu. Die im Teilplan Kaltluftsystem eingezeichnete Strömung von der Bahn in Richtung Thurgauerstrasse wird aufgrund dieser Durchlässigkeit besser erhalten, weil es an mehreren Stellen das Planungsgebiet durchströmen kann.
  • Das Konzept „Wohnhöfe Grubenacker“ weist mehr und grössere zusammen- hängende Freiraumflächen auf als der Gestaltungsplan. Deshalb ist die Maßnahmenempfehlung Aufenthalts-, Bewegungs- und Verkehrsräume zu entsiegeln, zu begrünen und zu beschatten für das Projekt „Wohnhöfe Grubenacker“ konsequenter umsetzbar.

Das ganze Gutachten ist hier zu finden.

Verpasste Chance #6: Adieu Tristesse in der Zürcher Stadtentwicklung! – auch an der Thurgauerstrasse

Jürg Sulzer –

Wir alle kennen die Sehnsuchtsorte des Wohnens in unserer Stadt: es sind stadtbaugeschichtlich geprägte Altbauquartiere wie beispielsweise das Seefeld, Aussersihl oder Hottingen. Ihnen gemeinsam sind dicht genutzte und vielfältig gestaltete Blockrandbebauungen mit jeweils eigenständigen Gesichtern der Einzelhäuser. Die Strassen und Plätze sind in diesen urbanen Quartieren mit klar gegliederten Baumalleen geschmückt und im rückwärtigen Bereich der Häuser finden sich ruhige Oasen grüner Wohnhöfe. Überall im Quartier gibt es zusätzliche Nutzungen wie Büros, Läden und soziale Einrichtungen. Ein wahres Paradies städtebaulich verdichteter Wohn- und Lebenssituationen. Die Qualität baulicher Dichte zielt auf den Reichtum an vielfältiger Nutzung und differenzierten Aufenthaltsräumen im Stadtquartier. Dagegen geht es in der aktuellen Zürcher Stadtentwicklung in der Regel um maximale bauliche und ökonomische Verdichtung mit der Folge, dass immer mehr anonym wirkende Siedlungen entstehen. Selbst das Bundesgericht kommt jüngst zum Schluss, dass beispielsweise das qualitativ hochstehende Friesenbergquartier nicht wegen einer Verdichtungsabsicht abgerissen werden darf. Verdichtung und Innenentwicklung müsse sich, so die „Kulturbotschaft 2021-2024“ des Bundes, auch an baukulturellen Aspekten orientieren gegenüber einer heute stark auf technische und ökonomische Logiken ausgerichtete Planungspraxis.

Es ist keine Frage, dass Zürich wachsen kann und soll – aber doch nicht in dieser technisch und ökonomisch ausgerichteten Tristesse, wie „Verdichtung nach innen“ mit dem alten Gestaltungsplan Thurgauerstrasse gepriesen wird. Gerade die derzeitige Pandemie, in der alle von „Distanz wahren“ reden, zeigt uns, dass wir im Städtebau auf Kleinteiligkeit, Wohlbefinden, erlebbare Nähe der Menschen untereinander und auf unverwechselbare Orte setzen müssen. Jedes Wohnhaus sollte über ein eigenständiges Gesicht mit unterschiedlichen Nutzungen verfügen. Innerhalb der einzelnen Wohnung findet Homeoffice angemessenen Platz. Kinderbetreuung im Wohnhof wird zur Selbstverständlichkeit. Nur so lässt sich Abstandhalten mit wenig sozialem Verlust erträglich gestalten. In einer kalten und abweisend geplanten Siedlung, wie sie der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse vorsieht, werden noch mehr Menschen in die Einsamkeit und Anonymität gesichtsloser Hochhäuser in Glas und Beton gezwungen. Dies darf nicht geschehen!   

Wir sagen nein zu einer technisch und ökonomisch ausgerichteten Verdichtung. Städtebauliche Erfahrungen lehren uns, dass es heute um eine bestmögliche Gegenwart gehen sollte und nicht um eine Zukunftsillusion in Glas und Beton. Das Konzept Wohnhöfe Grubenacker ermöglicht ein nachhaltiges und kleinteiliges Experimentieren, ohne das Ensemble als Ganzes zu verlieren. So lässt sich in jeder Bauetappe nachsteuern, um aus Erfahrungen zu lernen. Die Effizienz kleinteiliger Baustrukturen zeichnet sich durch ihre Fehlerfreundlichkeit aus und steht im klaren Gegensatz zu massstabslosen Hochhausbebauungen. 

Das Konzept Wohnhöfe Grubenacker bietet eine grossartige Chance, aus der Stadtbaugeschichte zu lernen, um ein richtungsweisendes urbanes Quartier und gebaute Nachbarschaft bürgernah zu gestalten – allerdings ohne Tristesse, dafür mit einem leuchtenden „Bonjour“ zum baukulturellen Weiterbauen der Zürcher Stadtheimat! 

Verpasste Chance #5: Räume für Kultur schaffen an der Thurgauerstrasse

Bernhard Parz –

Woran erkennt man ein lebenswertes urbanes Quartier? Dass man dort nicht nur ist, um zu schlafen oder um sehnlichst auf die nächsten Ferien im Ausland zu warten, sondern dass vor Ort nebst Einkaufsmöglichkeiten und Treffpunkten wie Beizen oder Cafés die zum Verweilen einladen auch interessantes kulturelles Leben anzutreffen ist. Das erklärt ja die Beliebtheit bestimmter Orte in der Stadt, die dann nicht nur bei Wohnungs-suchenden beliebt sind, sondern auch als Tipp im Reiseführer stehen. Solche Orte entstehen nicht auf Zuruf, aber machen die Seele einer Stadt aus. Da wird zum Beispiel eine ungenutzte Scheune zum Kunstatelier oder Kino umgebaut, eine leerstehende Garage zum Konzertsaal. Die gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raumes  ist entscheidend, ob man sich an einem Ort zu Hause fühlt oder halt nur zu Gast (z.B. weil man sonst keine besser bezahlbare Wohnung gefunden hat). 

Im Leutschenbach entstehen genau solche Orte, und mit ihnen nach und nach ein reichhaltiges kulturelles Angebot. 

Das jährlich stattfindende „Kunstdreieck Festival“ im Leutschenbach, Quartiertreffen im alten Schützenhaus (das dank des Einsatzes von Seebacher Vereinen und der IG Grubenacker vor dem Abriss durch die Stadt gerettet wurde), oder eben Veranstaltungen an verschiedensten Orten wie die Garagenkonzerte, Strassenfeste, die Wunderkammer, Hombi’s Salon und viele mehr. Ein Rückblick auf das „Kunstdreieck Festival“ 2020 findet sich unter diesem link.

Anstatt das als ein deutliches Zeichen positiver Energie und Gestaltungswillen in der lokalen Bevölkerung zu verstehen, wurde erst jüngst ein mühsam mit viel persönlichem Einsatz aufgebauter Kulturraum – der Pavillon der „Wunderkammer“ – grundlos von der Stadt mit schwerem Gerät abgerissen. Die Energie und das Engagement vieler Anwohner für ein lebenswertes Quartier auch für die Planung des neuen Quartierteils einzubeziehen wäre doch viel eher wünschenswert, ist es doch das Zuhause der dortigen Bevölkerung, die sich für das eigene Quartier engagiert, und kennt das eigene Quartier am Besten.

Der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse denkt die zukünftige kulturelle Nutzungs-möglichkeit des neuen Quartierteils leider überhaupt nicht mit. Interessante Orte entstehen ja immer erst dort, wo es Freiräume gibt, die mit kreativen Ideen gefüllt und zum Leben erweckt werden könnn. Wird ein Quartier einfach am Reissbrett von Grund auf neu geplant, dann ist es notwendig, bewusst solche Freiräume offen zu lassen. Damit werden erst kreative Ideen vor Ort ermöglicht. Im Gestaltungsplan Thurgauerstrasse wurde aber seitens der Stadt absichtlich darauf verzichtet das schon vorhandene kulturelle und lokale Wissen des bestehenden Quartiers in die Neuplanung einzubeziehen. Erklärtes Ziel war, die Errichtung der maximalen Anzahl von günstigen Wohn und Schlafplätzen. Dass die solchermassen steril geplante Bebauung weder zum Verweilen einladen wird noch einen Bezug zu natürlich gewachsenen Strukturen des bestehenden Quartiers aufweist, lädt eher dazu ein, an anderen Orten seine Freizeit zu geniessen als vor Ort. Oder müssen wirklich alle gemeinschaftlichen Aktivitäten im Sockel entlang der Thurgauerstrasse stattfinden? So wie es der Gestaltungsplan vorsieht und einige SP-Gemeinderäte propagieren? In einer Art Restfläche, die aus Lärmschutzgründen nicht zu Wohnzwecken genutzt werden darf und den Charme einer Autobahnzufahrt hat? So wird die Thurgauerstrasse nie zu einem lebenswerten Quartierteil und schon gar nie einen Eintrag in einem Reiseführer als attraktive Stadtgegend schaffen!

Die Frage nun gerade zu Zeiten von Corona und Klimawandel drängt sich also auf: Wollen wir unseren wertvollen Lebensraum auf diese Weise am maximalen Ertrag orientieren, oder gibt es nicht bessere Wege, das doch unbestrittene Ziel zu erreichen – lebenswerten Wohnraum? 

Eine Diskussion darüber tut Not – bevor entschieden wird!

Verpasste Chance #4: Rücksichtsvolle Stadtplanung an der Thurgauerstrasse

Referendumskomitee –

Schneller, größer und anonym bauen in der Stadt Zürich war gestern! Der Gestaltungsplan für das Areal Thurgauerstrasse sieht massstablose Hochhäuser mit abweisenden Betonriegeln und anonym wirkenden Abstandsgrünflächen vor. Diese rücksichtslose Hochhaus-Akzentsetzung am Rand eines Kleinquartiers stammt aus dem Gedankengut der 1970er Jahre, weshalb wir es ablehnen. 

Heute müssen wir neue und ganzheitliche Wohn- und Arbeitsquartiere rücksichtsvoll und intim gestalten. Es geht in der zukünftigen Stadtgestaltung um eine besondere Nachbarschaft innerhalb von neuen Quartieren. Wir benötigen Stadtquartiere, deren Häuser eine Ensemblewirkung entfalten zusammen mit vielfältig gestalteten Wohnhöfen und Gärten. Dabei ist auf ein urbanes, räumlich-bauliches Miteinander der Menschen zu achten. Mit dem Konzept „Wohnhöfe Grubenacker“ entsteht ein sorgfältiges Miteinander von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, sich treffen und versammeln in einem neuen, auf Nachbarschaft ausgerichteten urbanen Quartier. 

Das Konzept Wohnhöfe Grubenacker weist ähnlich hohe bauliche Dichten nach wie der Gestaltungsplan. Die Besonderheit des neuen Konzepts liegt darin, dass es an den überlieferten Flurwegen und Platzsituationen anknüpft. Es entstehen unverwechselbare öffentliche Quartierräume, die das Vertrauen der Menschen in ein neues Stadtquartier stärken. In den unmittelbar an diese öffentlichen Quartierräume angrenzenden Wohnhöfe können sich die Menschen erholen, kleine Feste feiern, Ruhe im urbanen Grün suchen, mit den Kindern spielen, Geburtstage feiern. Auf der neuen „Grubenacker-Plaza“ an der Thurgauerstrasse können sich die Nachbarn aus dem gesamten Leutschenbach zum Café, Einkaufen oder einfach zum Verweilen, zur Begegnung treffen. 
Anstelle einer monoton gestalteten Wohnsiedlung vermittelt das Konzept Wohnhöfe Grubenacker raumbildende Abwechslung. Entlang der Grubenackerstrasse sind 4-geschossige Stadthäuser und längs der Thurgauerstrasse ist eine Blockrandbebauung mit etwa 8-geschossigen Einzelhäusern jeweils mit unterschiedlichen Gesichtern vorgesehen. Das Züricher Sihlfeld-Quartier rund um den Ida-Platz ist ein besonderer Sehnsuchtsort zum Wohnen in der Stadt. Deshalb bezieht sich das Konzept Wohnhöfe Grubenacker mit seinen besonderen Quartierwegen, Plätzen und Einzelhäusern im Ensemble auf dieses hohe baukulturelle Erbe. Und es wird grosser Wert auf eine umweltgerechte Bebauung des Gesamtareals gelegt. Die Wohnhöfe werden ihren natürlichen Boden behalten, sodass mit den unzähligen Bäumen im neuen Quartier ein kühlendes Wohnumfeld geschaffen wird. Entlang der Thurgauerstrasse ist eine urbane Blockrandbebauung mit markanten Alleebäumen vorgesehen. Und ja, die Aufteilung des Gesamtareals in Einzelparzellen schafft tatsächlich eine neue städtebauliche Qualität. Die kleinteilige Eigentumsbildung bietet Chancen für unterschiedliche Investoren und Unternehmen aus genossenschaftlichem Wohnungsbau, Privatwirtschaft und gemeinnützig ausgerichteten Bauherrn. Diese neue Kleinteiligkeit führt zu verschiedenenen Wettbewerben für Architekten und Bauherrn, die eine moderne Architekturvielfalt mit sich bringen wird – ein Wegweiser zu einer intim wirkenden Stadtentwicklung in Zürich!

Link zur Broschüre über das Konzept „Wohnhöfe Grubenacker“

Verpasste Chance #3: Den Quartierpark zum HR Giger Park machen!

Madlaina Perl –

Im Teil B der Gestaltungspläne Thurgauerstrasse ist neben dem Schulhaus ein Quartierpark geplant. Gut 10’000 Quadratmeter Freifläche. In der für dieses Gestaltungs-plangebiet üblichen, schönfärberischen Darstellungsweise wurde der Park mit „es entsteht eine grüne Lunge für Zürich-Nord“ angekündigt. Wie Bitte? Tatsache ist, dass die existierende grüne Lunge von Zürich-Nord von jetzt 65’000 Quadratmeter auf weniger als einen Sechstel reduziert wird! Und 100 % des alten Baumbestands geht verloren! Ok – das ist der Preis, der für die innere Verdichtung der Stadt zu entrichten ist. Um es klar zu stellen: Die Bewohner der benachbarten Siedlung stellen sich grundsätz-lich hinter dieses Ziel. Doch sie würden es überzeugter mittragen, wenn die Fakten unmissverständlich kommuniziert würden, statt der Stadtbevölkerung Honig ums Maul zu streichen.

Der Park wird also nicht gross wird auch die Spielwiese für die Schule enthalten. Der grüne Fleck mitten im Gestaltungsplan Perimeter verspricht Aufenthaltsqualität und Raum für Begegnung zwischen dem alten und dem neuen Quartier. Der Wettbewerb für den Quartierpark wurde 2018 durchgeführt. Aus 39 eingereichten Projekten ging «TERRA NOVA» als Siegerprojekt hervor. Es überzeugte die Jury durch seine vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, einen hohen Grünanteil und weil es in der Umsetzung ein hohes Mass an Mitbestimmung durch das Quartier ermöglicht.

Um eben diese Mitbestimmung ging es an einer Veranstaltung vom 25. Februar 2020. Fast ausschließlich männliche Vertreter der Zürcher Stadtbehörden haben den Stand der Planung vorgestellt. Anwesend waren rund fünfzig Quartierbewohnerinnen und eine grössere Gruppe der lokalen SP, welche zufälligerweise alle an unterschiedlichen Diskussionstischen eingeteilt waren. In der zusammenfassenden Präsentationsrunde wurde unter anderem klar, dass fast alle Diskussionsruppen „HR-Giger Park“ als Bezeichnung für den Quartierpark vorschlagen. Damit wollen die Anwohnerinnen und Anwohner dem wohl berühmtesten Einwohner dem berühmtesten Ihrer Nachbarn die Referenz erweisen. Er wurde 1980 für sein Mitwirken im Film „Alien“ mit einem Oscar in der Kategorie Beste visuelle Effekte ausgezeichnet.

Übrigens: Schulhaus und Quartierpark sind nicht vom Referendum betroffen. Das NEIN zum #Gestaltungsplan #Thurgauerstrasse betrifft also weder den Bau des Schulhauses, noch die Realisierung des Quartierparks.

Ein unkonventioneller Garten im Grubenacker.

Verpasste Chance #2: Das unvollständige Bauminventar als Planungsgrundlage

Madlaina Perl –

Auf der Webseite von Grün Stadt Zürich wird dem Thema „Stadtbäume“ viel Raum gewidmet. Die Beiträge spannen einen weiten Bogen von allgemeinen Informationen zu Bäumen, über die Wirkung der Bäume auf das Stadtklima, die Baumpflege und den Baumschutz. So liest man dort: „Bäume tragen zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität in der Stadt bei. Als Park- und Strassenbäume prägen sie das Stadtbild, sorgen für Wiedererkennung und Identität von Zürich. Bäume speichern und verdunsten Wasser, produzieren Sauerstoff, spenden Schatten, kühlen und reinigen die Luft. Für Tiere und Pflanzen sind sie wertvolle Lebensräume. Als Stadtgrün in der dritten Dimension sind sie wichtige Vernetzungskorridore von ökologisch wertvollen Flächen.“

Besonders Augenmerk verdient das Baum-Kataster. Es wird angepriesen als Inventar von mehr als 22’000 Stadtbäumen auf öffentlichem Grund. Im Gebiet des Gestaltungsplans Thurgauerstrasse finden sich alte Bestände von Götterbaum, Spitzahorn, Hain- oder Weissbuchen, Schwarzkiefer, Bergahorn, Hopfenbuchen, Rottanne, Süsskirsche, Wallnuss, Birne, Sandbirke. Es sind Dutzende von Bäumen, die in den Jahren 1950 bis 1980 gepflanzt wurden. Sie alle werden dem Gestaltungsplan zum Opfer fallen. Ein Vorgang, der auch den Bestrebungen der Initiative von „Baumstadt Züri“ zuwiderläuft. Doch wer an der Thurgauerstrasse ein bisschen ortskundig ist, merkt schnell, dass der Bestand nicht vollständig erfasst ist. Zum Beispiel fehlt die Kastanie vor dem alten Schützenhaus Grubenacker, überhaupt fehlen alle Bäume in den Familiengärten, auch teils stattliche Exemplare und wertvolle Schattenspender. Leider werden nur die Bäume inventarisiert, die von Grün Stadt Zürich gepflegt werden. Was nicht kartiert ist, muss auch nicht ersetzt werden, so sieht es aus. Ist also das städtische Bauminventar ein weiteres Beispiel von städtischen Fake-News? (hier ein Ausschnitt mit einigen der fehlenden Bäume).

In dieser Stadt gibt es genau zwei, die Bäume fällen dürfen ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Zum einen ist dies die Stadt Zürich als Bauherrin, wenn sie die Kartierung des Bestandes unvollständig macht. Zum andern ist das der Biber, der im Leutschenbach, der in wenigen Monaten den gesamten Weidenbestand mit Stammdurchmesser von fünf Zentimeter eliminiert hat.

Um die Lücke im städtischen Bauminventar zu schliessen, haben vier Enthusiast*innen aus dem Grubenacker selber ein Bauminventar aufgenommen. Es ist unter diesem link zu finden. So kann eine weitere Forderung der Anwohner*innen berücksichtigt werden: Die vorhandenen grosskronigen Bäume in die Planung zu integrieren. Wenn der Gestaltungsplan Thurgauerstrasse umgesetzt wird, werden weder die Apfelbaumwiese noch der Waldgürtel am Parkplatz Eisfeldstrasse bleiben erhalten. Ein Jammer – wie der ganze Projekt.

Immerhin: Der Kastanienbaum beim alten Schützenhaus soll nach neusten Planung erhalten bleiben!

Der junge Kirschbaum am höchsten Punkt des Areals im morgendlichen Herbstlicht – er ist inzwischen kräftig gewachsen (im städtischen Bauminventar enthalten)
Das Baum-Inventar-Team
Die grosse Kastanie vor dem alten Schützenhaus (im städtischen Bauminventar nicht enthalten, obwohl auf öffentlichem Grund)
Genannt wird sie Apfelbaumwiese, es stehen aber auch Nussbäume drauf (im städtischen Bauminventar nicht enthalten, obwohl auf öffentlichem Grund)

Verpasste Chance #1: Rechtzeitige Planung für die Familiengärten an der Thurgauerstrasse

Madlaina Perl –

Kleingärten haben in Städten eine lange Tradition. Als Vorbild dienten die Bauerngärten. Die Stadtbewohner*innen sollten in den Gärten Obst und Gemüse anpflanzen können und so Erholung in der Natur finden. Der Familiengartenverein Seebach wurde 1934 als Lokalkomitee des Vereins für Familiengärten Zürich gegründet und ist heute neben den Gärten im Grubenacker für weitere Standorte in Seebach verantwortlich. In der Gründerzeit war das Areal Grubenacker am Stadtrand, weit ausserhalb der Siedlung und daher ideal gelegen für die Gründung der Gärten.

Mittlerweile ist das Leutschenbach-Dreieck, zwischen den Bahnlinien zum Flughafen respektive nach Wallisellen und der Stadtgrenze gelegen, ein urbanes Zentrum. Benedikt Loderer hat die Gegend von Glattpark und Leutschenbach einmal sogar als „heimliche Hauptstadt der Schweiz“ bezeichnet. Das Areal an der Thurgauerstrasse und damit auch das Areal der Familiengärten ist seit den 1970-er Jahren Bauzone. Zeit genug, denkt man, den Umzug für die weit über 100 PächterInnen langfristig zu planen und vorzubereiten. Doch weit gefehlt. Statt rechtzeitig ein neues Areal einzurichten, wird die Stadtverwaltung 2021 erstmal einen Planer auswählen. Danach erst können überhaupt Aussagen über den weiteren Zeithorizont gemacht werden. Das heisst, dass in den nächsten Jahren weit über 100 Familien in Zürich-Nord ihren Garten verlieren werden. Es ist geradezu zynisch, dass man jenen, die weitermachen wollen, einen prioritären Platz auf den Wartelisten in Affoltern, Oerlikon oder Schwammendingen anbietet.

Ist es denn so kompliziert, für 100 Fleckchen Erde zu finden, auf jene Leute ein wenig Gemüse und Früchte selber pflanzen können? Und ab und zu am Samstagabend ein Spanferkel grillieren können?

Hier der link auf einen Bericht im Züri Nord über die Räumung des Familiengartenareals an der Thurgauerstrasse.

Und für alle die an der Geschichte des Familiengartenvereins Seebach interessiert sind, hier ein weiterer link.

Schrebergärten im urbanen Leutschenbach Dreieck
Gemüsegärten und Blumenbeete im Grubenacker
Die Sonne geht hier bald unter.
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